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Fachkräftemangel im Immobiliensektor bekämpfen, Energiewende beschleunigen: Lösungen für die Zukunft

Von Marten von Velsen-Zerweck, Gründer Noocoon.de


Die Zeit drängt, wenn es darum geht, die Klimakrise zu bekämpfen. Während die Wissenschaft uns die Ernsthaftigkeit der Situation immer deutlicher vor Augen führt, fehlt es bislang an konkreten, skalierbaren und praktischen Lösungen, um die Erderwärmung zu verlangsamen und die Auswirkungen auf unsere Ökosysteme zu minimieren.


Worüber keiner spricht: 28% der CO2-Emissionen in Deutschland werden durch den Gebäudesektor verursacht - ein stolzer Wert. Bis 2030 müssen die Emissionen im Gebäudesektor um 40% reduziert werden, um die Ziele der Bundesregierung zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen zu erreichen. Bis 2045 soll Klimaneutralität erreicht werden. Eine Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen, ist die Sanierung und Modernisierung von Gebäuden durch den Einsatz von energiesparender Technologie wie Wärmepumpen, Solarkollektoren und energiesparenden Fenstern. Vor allem ist es wichtig, den Einsatz von erneuerbaren Energien im Gebäudebereich zu fördern. Die geplante Installation von 22.000 MW PV-Leistung pro Jahr entspricht in etwa der Anzahl von zwei Millionen Privatanlagen, die jährlich auf den Dächern von Einfamilienhäusern installiert werden können. Dies entspricht wiederum einem Investitionsvolumen von 20 Milliarden Euro pro Jahr. In diesem Tempo könnten innerhalb von acht Jahren alle Einfamilienhäuser in Deutschland mit neuen PV-Anlagen ausgestattet sein. Insgesamt gibt es in Deutschland 11,7 Millionen freie Dächer, die für die Installation von PV-Anlagen geeignet sind. Bis 2030 strebt Deutschland außerdem an, jährlich 500.000 Wärmepumpen zu installieren Diese beiden Maßnahmen zusammen leisten einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele Deutschlands. Zugleich hat diese Dezentralisierung der Energieversorgung in Deutschland durch PV und Wärmepumpen zwei weitere wichtige positive Effekte, die nicht übersehen werden sollten: 1. sie macht Deutschland unabhängiger von fossilen Energieträgern und deren Import von außen und 2. ermöglicht sie vielen Menschen von den wirtschaftlichen Vorteilen zu profitieren, die damit verbunden sind, wenn man selbst mit dem eigenen Zuhause Energie erzeugt.

Fachkräftemangel begegnen


Ohne Handwerk keine Energiewende! Das Handwerk in Deutschland wird in seiner zentralen Rolle bei der Umsetzung der Energiewende noch völlig vernachlässigt und viel zu wenig in der Öffentlichkeit thematisiert. Insbesondere das Elektro-Handwerk spielt eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung der Energiewende, da es für die Installation und Wartung der erneuerbaren Energietechnologien und intelligenten Gebäudetechnologien verantwortlich ist. Jedoch steht ein immer größer werdender Installationsstau derzeit einer schnellen Transformation der Energieversorgung in Deutschland und damit der notwendigen Reduktion von CO2 bis 2030 im Wege, ausgelöst durch einen großen Mangel an Handwerkern und Fachkräften. Ein weiterer Grund sind Lieferschwierigkeiten und eine damit verbundene Kostenexplosion in Technik und Hardware, was Projekte teuer und schwer planbar macht.

In den Bereichen Bauelektrik, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie Informatik fehlen in Deutschland insgesamt 216.000 Fachkräfte. Dies stellt ein großes Hindernis für die Energiewende dar, da besonders in den Bereichen Elektrik und Informatik die Lücke besonders groß ist. So fehlen in der Elektrik-Branche knapp 17.000 Fachkräfte und in der Informatik-Branche 13.600 Experten. Auch in den Bereichen Dachdecker und Solar- und Windenergie-Techniker gibt es eine große Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften. Insgesamt fehlen in diesen Bereichen knapp 14.000 Dachdecker. Zudem wird geschätzt, dass es einen Bedarf von rund 450.000 Fachkräften in Solar- und Windenergie-Berufen gibt, davon 250.000 Fachkräfte im Bereich Photovoltaik.

Politische Lösungen im Auge behalten

In Politik und Gesellschaft haben die Handwerksberufe oft noch einen viel zu geringen Stellenwert. Es wird übersehen, was für einen dramatischen Wechsel die Handwerksberufe momentan durchlaufen. Die Tätigkeiten werden immer komplexer und anspruchsvoller. Ein Elektriker zieht heute nicht nur Kabel und installiert Steckdosen. Seine Tätigkeit umfasst heutzutage die Planung und Installation hochkomplexer Elektro- und erneuerbarer Energieerzeugungssysteme, inklusive intelligenter Gebäudesteuerung, Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Batteriespeicher, E-Mobilität und die Vernetzung solcher Gebäude untereinander. Das erfordert nicht nur Kenntnisse in der klassischen Elektroinstallation, sondern auch die eines IT-Administrators, Programmierers und Energiemanagers. Ein für die junge Fridays For Future Generation hochattraktives Berufsbild, denn gerade hier werden in der Praxis konkrete Lösungen durch die Umsetzung erneuerbarer klimaneutraler Energieprojekte gegen den Klimawandel geschaffen. Durch diese Tätigkeit kann ich als Einzelner konkret etwas tun. Nur: das muss auch erkannt und kommuniziert werden. Insgesamt müssen Handwerksberufe durch die Gesellschaft wieder eine ganz andere Anerkennung erfahren und einen ihrem Beitrag zur Lösung der Herausforderung, denen wir als Gesellschaft heute gegenüberstehen, einen entsprechend hohen Stellenwert erhalten.


Lösungen zur Fachkräftemangel können unter anderem folgende Maßnahmen beinhalten:

  • Attraktive Ausbildungsangebote und Karrierechancen in zukunftsträchtigen Branchen, um junge Menschen für diese Berufe zu begeistern.

  • Partnerschaften mit Schulen und Hochschulen, um die Nachfrage nach Fachkräften in bestimmten Branchen zu steigern und die Ausbildung junger Menschen besser auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts abzustimmen.

  • Die Erhöhung des Frauenanteils in relevanten Berufen durch gezielte Förderung und Schaffung von Anreizen für Frauen, sich in diesen Bereichen ausbilden zu lassen.

  • Umschulung oder Weiterbildung von An- und Ungelernten, etwa über Teilqualifikationen bis hin zum vollwertigen Berufsabschluss.

  • Aufhebung der Frühverrentung, um erfahrene Fachkräfte länger im Arbeitsmarkt zu halten.

  • Finanzielle Förderung und Anreize für Unternehmen, die in Ausbildung und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren.

  • Last but not least: gesellschaftliche Anerkennung von Handwerksberufen, insbesondere die Erkenntnis, dass die Umsetzung der Energiewende in der konkreten Praxis technisch anspruchsvoll ist und eine komplexe Ausbildung in den entsprechenden Gewerken voraussetzt.


Eine Möglichkeit, diese Herausforderungen zu bewältigen, ist die Förderung der Aus- und Weiterbildung im Elektro-Handwerk. Es ist außerdem von besonderer Wichtigkeit, die Kosten für erneuerbare Energiesysteme und intelligente Gebäudetechnologien zu senken, um sie für Endkunden erschwinglicher zu machen.


Weitere Lösungen können sein, die Zusammenarbeit zwischen Elektro-Handwerkern, Architekten, Bauunternehmern und Regulierungsbehörden zu stärken, um Projekte effizienter und erfolgreicher umzusetzen. Eine andere Möglichkeit kann sein, die digitale Unterstützung für Elektro-Handwerker zu erhöhen, indem man zum Beispiel die Verwendung von digitalen Werkzeugen und Anwendungen fördert, um Prozesse zu automatisieren und zu vereinfachen.


Beispiele machen Hoffnung


Das konkrete Beispiel des Unternehmens Enpal zeigt, wie ein Unternehmen aktiv dazu beiträgt, durch Eigeninitiative für ausreichend Fachkräfte zu sorgen. Enpal hat eine eigene Akademie eröffnet, in der Solar-Handwerker ausgebildet werden. Durch die Erweiterung des Schulungszentrums und die zusätzliche Qualifikation von bis zu 120 neuen Solarmonteuren und Elektrikern pro Monat trägt das Unternehmen dazu bei, dass mehr Fachkräfte in der Branche verfügbar sind. Es bietet auch Quereinsteigern, wie Geflüchteten oder Personen, die während der Lockdowns ihren Job verloren haben, die Möglichkeit, sich aus- oder weiterzubilden und eine Karriere in der Branche aufzubauen.


Relevante Lösungen für die Praxis können also darin bestehen, Unternehmen aktiv in die Ausbildung und Qualifizierung von Fachkräften zu involvieren und auf diese Weise Möglichkeiten für Quereinsteiger zu schaffen.

Auch die Lösungen von Start-ups wie 1Komma5° und Zolar zielen darauf ab, den Fachkräftemangel im Bereich der Photovoltaik-Anlagen zu reduzieren, indem sie die Arbeitsprozesse rationalisieren und digitalisieren. 1Komma5° beteiligt sich an Installationsbetrieben und verschlankt diese durch zentral organisierte und digitalisierte Prozesse, während Zolar private Photovoltaik-Anlagen mithilfe einer Digitalplattform verkauft und plant und die Projekte schlüsselfertig geplant an Elektromeister und Solarteure übergibt.

Lösungen forcieren

Die Verwendung von Immobilientechnologie kann eine wichtige Rolle bei der Erreichung klimaneutraler Gebäudeplanung spielen. Durch die Optimierung der Energieeffizienz, zum Beispiel durch die Verbesserung der Wärmedämmung oder die Automatisierung der Beleuchtung und Belüftung, kann der Energiebedarf von Gebäuden schnell und deutlich reduziert werden. Darüber hinaus kann die Technologie dazu beitragen, die Nutzung erneuerbarer Energien in Gebäuden zu fördern, indem insbesondere Solarpaneele oder Wärmepumpen installiert werden, wofür der Einsatz von Fachkräften unabdingbar ist.


Eine langfristige Lösung des Fachkräftemangels im Handwerksbereich erfordert eine enge Zusammenarbeit von Unternehmen, Bildungseinrichtungen und der öffentlichen Hand, um die Attraktivität des Handwerksberufs zu erhöhen und die Ausbildung von Fachkräften zu fördern. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Fachkräftemangel im Handwerk, insbesondere im Bereich Elektrik, eine große Herausforderung darstellt, die durch die Energiewende und den damit einhergehenden Bedarf an Photovoltaik- und Wärmepumpeninstallationen noch verschärft wird. Umso wichtiger ist es, den Elektriker-Beruf als Schlüsselberuf zu würdigen und ihn in den Mittelpunkt der Diskussion und Gesellschaft zu rücken. Fachkräfte aus dem Handwerk müssen entsprechend ausgebildet und gesellschaftliche Anerkennung erfahren, um die Anforderungen an Qualität, Gewährleistung und Abnahmen vor dem Hintergrund der Energiewende erfüllen zu können.

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