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Ist die PropTech-Szene tatsächlich so nachhaltig, wie sie tut?

Von Thomas Gawlitta, Founder DMREx


Wir müssen über Nachhaltigkeit sprechen. Nicht nur in der öffentlichen Kommunikation steht das Thema ganz oben auf der To-Do Liste, auch in der Immobilienbranche, vor allem im PropTech-Bereich, sind nachhaltige Lösungen das Top-Thema. Das müssen sie auch sein, denn um die Klimaziele der Vereinten Nationen, festgehalten im Pariser Klimaabkommen, zu erreichen, muss der Immobiliensektor, der immer noch für rund ein Drittel des CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, klimafreundlicher werden.

Als Rahmen gibt es hierfür die ESG-Ziele. E steht für Environment, S für Social und G für Governance. Der Titel macht bereits deutlich, dass es auch im Immobiliensektor um einen ganzheitlichen Ansatz der nachhaltigen Lebensgestaltung geht. Es reicht nicht mehr, sich auf Ökologie und Ökonomie zu konzentrieren: die soziale Komponente ist mindestens genauso wichtig. Die ESG-Ziele wurden bereits 2006 von den Vereinten Nationen als Initiative zur freiwilligen Selbstverpflichtung ins Leben gerufen und fordern eine Reduktion der Treibhausgase im Immobiliensektor um 50% bis Ende 2025. Außerdem eine Verringerung des Wasserverbrauchs und des Abfallvolumens um jeweils 10% sowie eine Erhöhung des Anteils nachhaltiger Lösungen und Produkte auf über 50% bis Ende 2025. Die ESG-Ziele zeigen, dass sich Klimaneutralität nicht in einem Vakuum befindet, sondern mit der Einhaltung von Menschenrechten, der Bekämpfung von Korruption, und der Förderung von Diversität einhergeht. Nur so kann langfristig der Wohlstand aller Menschen steigen.

International sind die ESG-Ziele als Initiative, aber nicht als Verpflichtung anerkannt. Die Klassifizierung wird von den Produktanbietern und den Unternehmen selbst vorgenommen. Das Fehlen einer neutralen Kontrollinstanz und einem einheitlichen ESG-Gütesiegel ist problematisch. Es birgt die Gefahr des Green-Washings, also des Darstellens einer nachhaltigen Aktivität oder eines nachhaltigen Images, das systematisch nicht umgesetzt wird. Das Umweltbundesamt beschäftigt sich intensiv mit Green-Washing auch im Prop-Tech Bereich. Probleme sieht es vor allem bei der Bewertung und Überprüfung der ESG-Ziele. Ein guter Grund, um die führenden Start-Ups in diesem Bereich einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Als Antwort auf den steigenden Druck auf die Immobilienwirtschaft, nachhaltiger und effizienter zu werden, entstehen vermehrt PropTech-Unternehmen, die sich technologiebasierte Lösungsansätze auf die Fahne geschrieben haben. Eines von diesen Start-Ups ist Predium. 2021 in München gegründet hat sich das PropTech Unternehmen auf nachhaltiges und profitables Immobilienmanagement spezialisiert. Auf seiner Website schlüsselt das Unternehmen auf, was genau das bedeutet. Es gehe nicht nur um die automatische Berechnung von Verbrauchs- und Emissionswerten, sondern auch um Risikobewertungen und Maßnahmenvorschläge zur Optimierung des Energieverbrauchs. Dabei orientiert sich Predium nicht nur an ökologischen Faktoren, sondern ganzheitlich an den ESG-Kriterien. Dafür hat das junge Start-Up im Mai vergangenen Jahres in einer Pre-Seed Runde 1,6 Millionen Euro erhalten. Während Predium sämtliche Kriterien zum Schutz des Klimas auflistet, fehlen Punkte zu Arbeitsbedingungen, Lieferketten und Diversität.

Damit ist Predium nicht allein. Auch die Start-Ups Quantrefy und SedaiNow äußern sich auf ihren Webseiten nicht zu den sozialen Themen. Dabei scheint es mittlerweile Common Sense zu sein, dass der ökonomische Wandel nicht ohne soziale Transformation möglich ist.

Predium, Quantrefy und SedaiNow sind erfolgreiche Start-Ups in ihrem Bereich. ESG- und Technologie-Experten und Expertinnen arbeiten für die Unternehmen und man kann ihnen sicherlich nicht vorwerfen, sich nicht ganzheitlich mit der Thematik Nachhaltigkeit auseinandergesetzt zu haben. Wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen, dann müssen wir aber auch über die genaue Definition dessen sprechen, denn hier liegt das Problem. Nachhaltigkeit ist oft nicht eindeutig definiert! An dieser Stelle muss die Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) erwähnt werden, eine EU-Offenlegungsverordnung, die Unternehmen verpflichtet, Investitionsentscheidungen, die negative materielle Auswirkungen auf Umwelt oder Gesellschaft haben könnten, zu identifizieren. Nachhaltigkeit, so steht es in Artikel neun, soll angestrebt werden. Nachhaltigkeit ist hier allerdings nicht ganzheitlich definiert und laut Artikel zwei Absatz 17 kann ein Ziel (zum Beispiel Umweltschutz) verfolgt werden, wenn es ein anderes Ziel (zum Beispiel Menschenrechte) nicht erheblich beeinträchtigt. Was mit erheblicher Beeinträchtigung gemeint ist, wird allerdings nicht ausgeführt. Dieses Schlupfloch ermöglicht es, im Kampf gegen den Klimawandel andere wichtige Komponenten außer Acht zu lassen. Die ESG-Ziele können sich also gegeneinander ausspielen, wenn Unternehmen es darauf anlegen. Hier liegt der Fehler im System - nicht bei den Start-Ups.

Die EU-Offenlegungsverordnung ist ein junges Gesetz. Angelehnt an eine freiwillige Selbstverpflichtung, und nicht an ein international bindendes Gesetz, ist sie so offen wie nötig gestaltet. Lässt sich Green-Washing hier trotzdem vermeiden? Ja! Dafür müssen allerdings verlässliche Indikatoren ausgemacht werden. Das kann eine Analyse der Lieferketten sein, die Entlohnung der Mitarbeitenden im Verlauf der Wertschöpfungskette in Schwellenländern, oder der Frauenanteil in Unternehmen. Diesen Indikatoren mangelt es bisweilen an Einheitlichkeit und Universalität. Deshalb wird mit Hochdruck an Standardisierungsverfahren und internationalen Richtlinien gearbeitet, um die Einhaltung der ESG-Ziele besser überprüfen zu können. Das International Sustainability Standards Board soll so bald wie möglich eine weltweit gültige Basis für Offenlegungen erstellen. Green-Washing wird so immer schwerer und weniger rentabel. Gutes, nachhaltiges Wirtschaften im Sinne der Mitarbeiter, der Umwelt, und des Profits ist tatsächlich zu einem nicht mehr wegzudenkenden Standard geworden. Bis die Standardisierungsverfahren allerdings vollständig ausgereift sind, sollten Stakeholder aufmerksam bleiben, wenn sie ESG hören. Es gibt keinen ESG-Ausweis. Kritisches Nachfragen auf allen Ebenen ist deshalb angesagt. So können alle, Investoren und Unternehmen selbst, einen Unterschied in den drei Bereichen machen, die uns im sozio-ökonomischen Wandel in den nächsten Jahrzehnten begleiten werden, und in die es sich lohnt, zu investieren.




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