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Die Übersetzungslücke - Warum gute HealthTech-Lösungen in regulierten Organisationen verhungern – und warum sich kaum jemand die Zeit nimmt, das zu ändern

Von Christian Schacht


Drei Monate war nichts passiert.


Eine gesetzliche Krankenkasse hatte ihren Hilfsmittelbereich digitalisiert. Das Konzept lag fertig auf dem Tisch – fachlich solide gebaut, mit einem Beratungshaus, das saubere Arbeit gemacht hatte. Die Software lief, die IT hatte den technischen Rollout geliefert. Auf dem Papier: alles bereit - HealthTech


In den Teams: Stillstand. Die Mitarbeitenden nutzten weiterhin die alten Wege. Die Projektleitung war frustriert. Die Stimmung angespannt. Und niemand konnte sagen, woran es lag.


Als ich dazukam, habe ich zwei Wochen lang nichts anderes getan, als in die Organisation zu tauchen. Einzelgespräche mit Sachbearbeitenden, mit Teamleitungen, mit der Projektleitung. Keine Workshops, keine Folien, keine Diagnosefragebögen. Nur Gespräche. Und vor allem: erstmal zugehört.


Diese zwei Wochen waren das Wichtigste, was ich in dem Programm machen konnte. Nicht, weil Zuhören eine besondere Disziplin wäre, sondern weil dieser Schritt im Auftragsdesign aller anderen Beteiligten nicht vorkam – und damit bisher ausgefallen ist.


Das eigentliche Problem ist nicht Sprache, sondern Auftrag


In der HealthTech-Debatte wird die Übersetzungslücke zwischen Tech und Versorgung seit Jahren beschrieben. Auf jedem Panel, in jedem Whitepaper. Das Problem ist also nicht, dass niemand sie kennt. Das Problem ist, dass sich wenige die Zeit zur Verankerung nehmen, die diese Übersetzung verlangt.


Beratungshäuser werden für Konzepte beauftragt. IT-Dienstleister für Implementierung. Anbieter für Lizenzen. Schulungspartner für Trainings. Jeder dieser Aufträge ist sauber definiert, outputorientiert und endet mit dem eigenen Liefergegenstand. Was dazwischen und danach liegt – das tatsächliche Verankern zwischen den Welten Sachbearbeitung, Compliance, Geschäftsführung, IT und Anbieter im laufenden Alltag – verlangt eine andere Zeitlogik. Es lässt sich nicht in einem Workshop oder einem Trainingsblock am Go-Live-Wochenende erledigen. Es braucht Wochen ohne vorerst sichtbarem Ergebnis, in denen Vertrauen entsteht und Routinen sich neu bilden. In den meisten Programmplänen kommt diese Phase schlicht nicht vor.


Was am Hilfsmittel-Programm nicht funktionierte, war nicht, dass das Beratungshaus schlechte Arbeit gemacht hätte. Das Konzept war gut. Die IT war gut. Was fehlte, war kein Mangel an Können, sondern eine Lücke im Auftragsdesign – niemand hatte den Auftrag, die Übersetzung zu leisten. Und so leistete sie niemand.


Genau diese Lücke ist der Grund, warum ich nach Stationen bei Deloitte und PwC eigenständig arbeite. In den großen Häusern habe ich gelernt, wie man Konzepte baut. Was sich dort schwer verkaufen ließ, war die Arbeit zwischen den Konzepten und ihrer Wirkung. Heute mache ich kleinere Mandate, ohne Linieninteresse, mit der Freiheit, in den ersten zwei Wochen vor allem zuzuhören und einzutauchen.


Drei Fragen, die ich in den ersten zwei Wochen kläre


Wer das Übersetzungsproblem ernst nimmt, löst es nicht durch 1 - 2 Workshops. Workshops liefern eine gute Vertiefung aber keine Nachhaltigkeit. Was hier gefragt ist, ist eine andere Diagnose. Drei Fragen, an denen sich in meiner Erfahrung entscheidet, ob ein Programm trägt:


Für wen verschiebt sich der berufliche Boden – und ist es ausgesprochen?


In jedem Digitalisierungsprogramm gibt es Menschen, deren beruflicher Wert mit den alten Abläufen verwoben ist. Eine erfahrene Sachbearbeiterin, deren Urteilskraft in der manuellen Bearbeitung anerkannt war, erlebt im neuen Prozess eine Verschiebung dessen, wo ihre Erfahrung gefragt ist – weg von der Routine, hin zu komplexen Fällen, Ausnahmen und Versichertenberatung. Diese Verschiebung ist im Kern eine Aufwertung. Aber sie wirkt nur dann als solche, wenn sie ausgesprochen und gemeinsam gerahmt wird. Bleibt sie unausgesprochen, kippt sie in Verunsicherung – und Verunsicherung findet Wege, das Programm zu bremsen.


Wo läuft die offizielle Geschichte des Programms auseinander mit der inoffiziellen? In jedem


Vorhaben gibt es zwei Erzählungen: die in der Steuerungsgruppe und die in der Kantine. Wenn beide auseinanderlaufen, kommt die Veränderung nicht voran – egal, wie gut die Roadmap ist. Diese Differenz lässt sich nur unterhalb der Gremienebene erfassen, im einzelnen Gespräch.


Woran wird die Organisation in sechs Monaten erkennen, dass die Veränderung gehalten hat? 


Diese Frage zwingt zu einer Konkretisierung, die in den meisten Programmplänen fehlt. Erfolg wird üblicherweise in Go-Live-Metriken gedacht: Adoption-Quote, Trainingsabschlüsse, Tickets pro Woche. Was sechs Monate später als gehaltene Veränderung aussieht, bleibt unausgesprochen. Genau dort aber entscheidet sich, ob ein Programm Verankerung gefunden hat – oder ob es als formaler Erfolg verbucht ist und als gelebte Veränderung nie ankommt.


Diese drei Fragen sind keine vollständige Methodik. Aber sie sind, in den Programmen, die ich sehe, die häufigsten Stellen, an denen die Übersetzung scheitert.


Was acht Monate später passiert ist – und was nicht belegt ist


Im Hilfsmittel-Programm lag die Bearbeitungszeit nach acht Monaten bei zwei bis vier Tagen. Vorher waren es bis zu elf. Ich nenne diese Zahl ungern ohne Einordnung, weil sie zu glatt klingt.


Was davon auf welchen Faktor zurückgeht – die Software, die Zeit, das Lernen der Teams, die Begleitung – lässt sich nicht sauber trennen. Belastbar ist nur: Vor der Begleitung stand das Programm, danach lief es. 


2026: Warum diese Lücke gerade jetzt teurer wird


Das Versorgungssystem steht 2026 unter Druck wie selten zuvor. Die Krankenhausreform zwingt Häuser zu strategischen Entscheidungen, deren Umsetzung organisatorische Tiefe verlangt. Die ePA ist im laufenden Roll-out, der Telematikzuschlag ist ausgelaufen, TI 2.0 zeichnet sich ab, der European Health Data Space rückt näher. Auf dem Papier kommt mehr Digitalisierung in das System, als es in einem Jahrzehnt zuvor zu verarbeiten hatte.

Das hat eine ökonomische Konsequenz: Die Übersetzungslücke, die in stabilen Zeiten als Verzögerung sichtbar wird, wird in Reformzeiten zum strukturellen Risiko. Programme, die nicht durchsetzungsfähig in Organisationen ankommen, verbrennen nicht nur Investitionen. Sie verlangsamen Reformen, die Versorgung absichern sollen.


Für HealthTech-Anbieter heißt das: Der entscheidende Wettbewerbsvorteil verschiebt sich. Nicht mehr die Frage, wer die beste Software baut, entscheidet. Sondern die Frage, wer mit seiner Software in regulierten Organisationen tatsächlich ankommt. Das ist eine andere Disziplin – und sie ist im Pricing der meisten Anbieter strukturell unterbewertet.


Wo dieser Ansatz nicht funktioniert


Ich beschreibe Erfahrungen aus meinen Projekten – das ist kein repräsentatives Sample. Ich werde gerufen, wenn Programme stocken, sehe also systematisch die schwierigen Fälle. In den unkomplizierten Fällen, wo Tech und Organisation gut zusammenpassen, kommt niemand auf die Idee, mich zu rufen.


Und der Ansatz hat klare Grenzen. Bei akuten Krisen-Rollouts, bei sehr kurzen Timelines, oder in Organisationen, in denen psychologische Sicherheit fehlt und ehrliche Gespräche unterhalb der Gremienebene nicht möglich sind, reichen zwei Wochen Zuhören nicht. Dort braucht es vorgelagerte Arbeit – manchmal Monate – bevor überhaupt belastbare Übersetzung möglich wird. Wer das ignoriert, baut auf Sand.


Schluss


Drei Monate Stillstand. Acht Monate später ein Team, das die Veränderung als seine eigene begreift. Dazwischen liegen keine Tools, keine Heldengeschichte und keine einzelne Methode. Dazwischen liegt Arbeit, die in keinem Auftrag stand und deshalb nicht passierte – bis jemand kam, der dafür beauftragt war.


Im Gesundheitswesen 2026 wird diese Arbeit zur entscheidenden. Nicht, weil sie spektakulär ist. Sondern weil sich ohne sie der Großteil der Versprechen, die die Branche gerade gibt, nicht einlösen lässt.


Wer sie nicht plant – als Gründer, Investor oder Auftraggeber – plant das eigentliche Programm nicht.

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