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Ist die Energiewende in der Immobilienwirtschaft nur sozial machbar?

Von Thomas Gawlitta


Die Immobilienbranche ist in Deutschland nicht unumstritten. Während sie Wohnraum schafft und ein Fünftel des deutschen Bruttoinlandproduktes erwirtschaftet, verursacht sie Treibhausgase. Laut Umweltbundesamt ist der Gebäudesektor für mehr als 30% des deutschen CO2 Ausstoßes verantwortlich. Die Hälfte davon ist graue, also nicht sichtbare Energie, die bereits vor der tatsächlichen Nutzung, also beim Prozess der Herstellung und Errichtung (30%), sowie beim Abriss von Gebäuden (20%) entsteht. Die restlichen 50% der Emissionen entfallen auf die Bewirtschaftung, wobei ein Großteil durch Heizen und Kühlen verursacht wird. Um das 1,5 Grad Ziel zu erreichen, muss dieser Ausstoß massiv reduziert werden. Maßnahmen dafür sind im Klimaschutzgesetz festgeschrieben. Solaranlagen, Wärmepumpen und Effizienzhaus 40-Standards machen Deutschland zum Vorreiter in der Ökologisierung der Immobilienwirtschaft. Dass zukunftsfähiges Wirtschaften nur ökologisch funktioniert, ist mittlerweile allen klar. Dass Ökologie und Soziales eng miteinander verbunden sind muss allerdings noch in der Mitte der Gesellschaft ankommen.

Das hängt auch damit zusammen, dass es im Gegensatz zum Klimaschutz keine verbindlichen Vorgaben für den sozialen Bereich gibt. Eine Sozialorientierung galt in der Branche lange als unattraktiv, auch aus diesem Grund herrscht ein bundesweiter Mangel an bezahlbaren, barrierefreien und klimaneutral gebauten Wohngebäuden. Doch genauso, wie sich das Narrativ des unendlichen Wachstums langsam zugunsten des Umweltschutzes und des nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen auflöst, erkennen Unternehmen und Investoren, dass Erfolg langfristig nur mit der Inklusion des Sozialen möglich ist. Immer mehr Unternehmen priorisieren den Mehrwert einer Immobilie für die soziale Infrastruktur. Kindergärten und Altersheime beispielsweise, die als krisenfeste Orte des sozialen Lebens gelten, werden für Investoren plötzlich interessant.


Das Immobilienunternehmen HIH hat beispielsweise einen Spezialfonds „Zukunft Invest“ ins Leben gerufen, um Investitionen in den Bau von Kitas zu fördern. Die Nachfrage sei stabil, der Bedarf langfristig, und die Erziehung und Bildung von Kindern eine gute Grundlage für nachhaltige Immobilieninvestitionen, so schreibt es das Unternehmen auf seiner Website. Dass ökologische und soziale Nachhaltigkeit zu wirtschaftlichen Erfolgsfaktoren werden, hat sich auch das Unternehmen ImpactImmo zu Nutze gemacht. Es investiert seit mehr als zehn Jahren in Immobilien für soziale Institutionen, beispielsweise Obdachlosenheime oder betreute Wohnanlagen und bevorzugt die positive soziale Wirkung vor finanzieller Rendite.


In einer Zeit, in der Wachstum auf Grund des durch ihn produzierten Klimawandels kritisch hinterfragt werden muss und in der die Schere zwischen arm und reich weiterwächst, muss sich die Wettbewerbsfähigkeit in der Immobilienbranche an neuen Faktoren messen. Soziale Ungleichheit, Armut und Diskriminierung hindern globale Entwicklung und wirken sich aus diesem Grund langfristig auch negativ auf die Immobilienwirtschaft aus. Das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard ist in Artikel 11 des Sozialpakts der Vereinten Nationen festgeschrieben. Wohnen ist Teil davon. Der Immobiliensektor, der sich ohnehin verändern muss, um den ökologischen Standards des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden, wird sich in Zukunft auch an den sozialen Aufgaben orientieren müssen, denn die ökologische Wende funktioniert nur sozial.

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